100 % MADE IN MEXICO

Interview mit Kammersänger Francisco Araiza

Spektrum Sommersemester 2003
Interview Saskia Paulsen

Herr Araiza, Sie gelten weltweit als einer der bedeutendsten Tenöre unserer Zeit. 1988 wurde Ihnen der Titel „Kammersänger der Wiener Staatsoper“ verliehen. Vermutlich gibt es kaum ein berühmteres Opernhaus, in dem Sie nicht eine Hauptrolle gesungen haben, und die Liste der Kollegen liest sich wie das „Who´s who“ der modernen Operngeschichte. Wir freuen uns alle sehr, dass Sie sich entschlossen haben, hier in Stuttgart eine Gesangsklasse zu unterrichten.

Wer oder was hat Sie dazu gebracht Gesang zu studieren?

Ich habe schon immer gesungen. Mein Vater war Organist, Sänger und Direktor des Opernchors in Mexico City, so dass für uns die Musik für unseren Lebensunterhalt stand. Singen und musizieren waren Teil unseres Lebens; etwas völlig Normales. Später, als ich in die Sekundarschule kam, war es gerade die Zeit in der die Beatles populär wurden. Ich bewunderte sie sehr, weil sie so fetzige und beigeisternde Musik produzierten.

Neben der Schule ließ mich und meine sechs Geschwister ein Englischdiplom machen, so dass ich auch Englischunterricht gegeben habe. Danach durften wir individuell wählen, was wir lernen wollten. Meine Mutter hatte allerdings entschieden, dass ihre Kinder Musik nur als Hobby machen durften. Nur als Hobby! So begann ich neben der regulären Ausbildung ein Studium als Organist an der Musikhochschule. Ich wählte als Nebenfachinstrumente zunächst Geige, dann Flöte, Schlagzeug und dann Cello. Cello habe ich wirklich geliebt.

Aber dann habe ich es eines Tages versäumt mich rechtzeitig für eines dieser Nebenfachinstrumente an der Hochschule anzumelden. Nur im Gesang waren noch Plätze frei, also habe ich mich dort zum Vorsingen angemeldet. Als ich nach stundenlangem Warten endlich an der Reihe war, wollte der Prüfer nur ein paar Übungen mit mir machen. Als er mich dann singen hörte wurde er allerdings sehr aufmerksam. Er ließ mich sehr hohe und noch höhere Töne singen und dann sprang er auf, umarmte mich und sagte:“ Du bist ein dramatischer Tenor in embrio. Ich unterrichte dich.“ Ich musste ihm aber gestehen, dass ich Musik nur als Hobby machen durfte. Ich musste zur Preparatoryschool weit fahren, und außerdem spielte ich noch American Football.

Nach dem Abitur haben Sie in Mexico City weiterstudiert?

Richtig, ich habe dort Betriebswirtschaft studiert und blieb auch mit Gesang bis zum 3. Semester dort. Dann habe ich von der Universität zum Konservatorium gewechselt, um bei Irma Gonzales weiter zu studieren. Sie war unsere Diva, die Lieblingssopranistin Toscaninis, und ich blieb von 1969 bis 1974 bei ihr, bis ich nach Europa kam. Sie hat meine gesamte Gesangstechnik entscheidend geprägt und zwar so erfolgreich, dass ich schon nach einem Jahr Studium bei ihr mein Debüt als professioneller Sänger geben konnte. Mit beeinflusst hat mich in diesem Jahren auch Erika Kobacsek, eine Dozentin für Klavier aus Wien. Mich hat sie aber geradezu adoptiert- musikalisch und überhaupt. Sie begleitete mich am Klavier und brachte mich mit anderen einflussreichen Leuten der Opern- und Musikelite zusammen. So kam ich in den Genuss einer erstklassigen Ausbildung, und ich kann sagen: ich bin wirklich hundertprozentig „made in Mexico“.

Ihr erstes Engagement haben Sie schon nach einem Jahr Studium bei Frau Gonzales gehabt. Welches Stück war das und wie ging es dann weiter?

Ich habe 1970 mit der Rolle des ersten Gefangenen im Fidelio debütiert. Mein Einstieg in die europäische Musikwelt war im August 1974, als ich den ARD Wettbewerb in München gewann. Eine Woche später hatte ich mein erstes Engagement in Deutschland, in Karlsruhe.

Währenddessen studierte ich in der Meisterklasse von Prof. Richard Holm und Prof. Dr. Erik Werba in München. Ich galt als Mozartsänger und wurde als direkter Nachfolger Fritz Wunderlichs angesehen.

Und wo überall hatten Sie Ihre weiteren Engagements?

Es folgten Engagements in Stuttgart, Köln, Rom, Prag…es ging richtig los. Dann wurde ich in Zürich fest engagiert, und von dort aus begann eine richtige Weltkarriere: Plattenaufnahmen, Debüt in München, dann Wiener Staatsoper, Hamburger Staatsoper, Kontakt mit Herbert von Karajan, mit dem ich später die Zauberflöte aufgenommen habe. Mit Karajan zu arbeiten bedeutete viel, auch dass ich zu allen Festspielen in Salzburg engagiert wurde. Zuerst zum Mozart-Requiem, dann Falstaff usw. Es war eine wunderschöne Zeit. Ich bin 11 jahre in Salzburg geblieben.

Außer mit Karajan haben Sie ja noch mit vielen großen Namen zusammengearbeitet.

Ja, da wären Karl Böhm, August Everding, Sawallisch, Kleiber, Leitner, Santi, Giulini, Harnoncourt… Überall wo es wichtig ist habe ich gesungen.

Welche Partie singen Sie im Moment am liebsten und welche würden Sie gerne noch machen?

Ich programmiere mich immer so, dass ich die Partie, die ich gerade lerne, liebe. Trotzdem bedeutet mir der Lohengrin besonders viel, weil diese Partie mich auf eine Ebene gebracht hat, die ich nicht vorhergesehen habe.

Was ich mir noch für die Zukunft wünsche, wäre, den jungen Siegfried zu singen.

Sie sind in Mexico City geboren. Wo leben Sie heute?

In Zürich, weil ich dort seit 25 Jahren fest engagiert bin.

Sie sind das zweite Mal verheiratet. Hat Ihre Frau auch etwas mit Musik zu tun?

Ja, sie ist Regisseurin und Theaterwissenschaftlerin. Sie ist mein zweites Paar Augen und Ohren geworden.

Haben Sie Kinder?

Ich habe vier Kinder. Mein ältester Sohn ist 25 Jahre alt und studiert Jura. Meine erste Tochter ist 22 Jahre alt. Sie singt und komponiert und will in die Popmusik. Der kleine Sohn ist 9 Jahre alt geworden, die kleine Tochter ist 5 Jahre alt.

Wie sah Ihre Lehrtätigkeit in der Vergangenheit aus?

Die Klasse hier an der Stuttgarter Musikhochschule ist meine erste eigene. Vorher habe ich seit 1994 ausschließlich Meisterklassen gegeben.

Welches primäres Ziel streben Sie bei Ihren Studenten an?

Das A und O ist die Selbständigkeit. Vor allem jene als Künstler. Und meine Studenten werden im Laufe des Unterrichts mitbekommen, welches die Gefahren und aber auch die Schönheiten unseres Berufs sind. Mir geht es darum „Persönlichkeiten“ zu lehren, und das fängt mit der Eigenständigkeit an.



© Francisco Araiza 1999 – Last Update 07.10.2005